Was ist Heimat?

Német kitelepítettek

Wir gedenken in diesen Tagen wie auch in diesem Gottesdienst der Vertreibung der Ödenburger Deutschen vor 64 Jahren. Wir haben dieser Erinnerung ein Denkmal gesetzt – und das ist gut und richtig so. Eine alte jüdische Weisheit lautet: "Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung", oder wie der spanische Dichter Jorge Santayana sagte: "Die sich des Vergangenen nicht erinnern, sind dazu verurteilt, es noch einmal zu erleben."

Erinnern – nicht vergessen. Dazu gab es in diesen Tagen viel Gelegenheit. Und sicher ist auch unter Ihnen viel erzählt worden: vom Schicksal der Vertreibung, von Gewalt und Angst, vom Verlust der geliebten Heimat. Heimat – das ist ein besonderer Ort. Der Ort der Geburt und der Kindheit, voll mit Erinnerungen an Geschehnisse, an Orte, an Menschen. Die Kindheit ist die intensivste Zeit des Leben, deshalb prägt sich der Ort tief im Herzen ein – und wenn man dann diesen Ort sogar unfreiwillig verlassen muß, dann bleibt ein Schmerz, der nicht vergeht, bleibt eine Wunde ein Leben lang. Deshalb ist es ja so schwer, die Heimat zu verlassen, weil wir damit auch ein wichtiges Stück unserer eigenen Identität, ja der Persönlichkeit verlieren.

So ist es den deutschstämmigen Menschen in Sopron ergangen, so ist es auch vielen anderen ergangen, besonders im letzten Jahrhundert im Zusammenhang mit den beiden schrecklichen Kriegen. So wurde die jüdische Bevölkerung nur wenige Jahre zuvor deportiert – auch vom Soproner und Agendorfer Bahnhof aus !- und auf schreckliche Weise umgebracht, so wurden nach dem Krieg auch andere Völker in Europa und anderswo ihrer Heimat beraubt und in andere Länder gebracht, wie zum Beispiel Polen und Ungarn. Der Fluch des Nationalsozialismus und der Nationalismen lastet bis heute auf Europa. Ich denke an einen polnischen Freund, der mir vor kurzem sagte, die Vertriebenen seien die letzten Opfer Hitlers.

Auch die Bibel kennt schon das Leid der Vertreibung, wir haben in der Lesung (Klagelieder 1,1-6) aus den Klageliedern Jeremias gehört. Damals waren Teile des jüdischen Volkes, besonders viele Einwohner Jerusalems, von der babylonischen Kriegs- und Besatzungsmacht verschleppt worden, weit weg von der Heimat, hin zu den Flüssen Babylons. Und wie immer in der Geschichte, traf es nicht nur die Schuldigen, die Regierenden, die Mächtigen, sondern einfache Leute, Männer, Frauen und Kinder, die mit der großen Politik gar nichts zu tun gehabt hatten. Ihr Leid, ihr Weinen, ihre Klage drang bis zum Himmel – und Gott war in ihrem Leid bei ihnen, so wie er immer bei den Menschen ist, die leiden müssen.

Wo können wir Trost finden? Wo können wir Antworten finden auf all das Leid und die Ungerechtigkeit? Wo finden wir eine Heimat, die nicht den geschichtlichen und politischen Veränderungen unterworfen ist, aus der wir nicht einfach vertreiben werden können? Als Christen suchen wir Trost in der Heiligen Schrift, in den Worten Jesu. Ihm sind Angst und Verzweiflung, ja selbst Flucht und Heimatlosigkeit nicht fremd. Seine Geburt geschah nicht in seiner Heimatstadt und seine Familie mußte schon gleich nach seiner Geburt vor Herodes nach Ägypten fliehen; er hatte keine feste Bleibe, sondern wanderte durch das Land – und schließlich wurde er gedemütigt, geschlagen und getötet. Er hatte Angst, er wollte nicht sterben – aber er wußte auch, daß es mehr gibt als das menschliche Leid, daß es einen Ort gibt, den einem niemand nehmen kann. Wir hören Worte aus dem Johannesevangelium: (Joh 14, 1-6)

1 Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich! 2 In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn's nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? 3 Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin. 4 Und wo ich hingehe, den Weg wisst ihr. 5 Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen? 6 Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Liebe Schwestern und Brüder, was ist Heimat? Heimat ist nicht einfach ein Ort auf der Landkarte – die wirkliche Heimat das sind die Menschen, mit denen wir zusammen leben; das sind die Erfahrungen, die wir gemacht haben; das sind die Erlebnisse, die Gerüche, die Erinnerungen; das ist die Sehnsucht, die Freude und der Schmerz. Ja, die Heimaterde, unser Geburtsort sind wichtig für uns, aber sie sind nur der äußere Raum für unsere wirklichen Heimat, die im eigenen Herzen liegt! Deshalb kann sie auch niemand wirklich von uns nehmen. Aber als Christen haben wir außer der wirklichen Heimat auch noch eine wahre Heimat. Unsere wahre Heimat ist im Himmel. Sie ist die Nähe und Liebe Gottes, der Ort, von dem wir alle herstammen und an den wir zurückkehren. Jesus sagt uns, daß wir eine Wohnung bei Gott haben, aus der uns niemand vertreiben kann. Seine Türen stehen uns allezeit offen. Deshalb soll unser Herz nicht erschrecken. Deshalb werden wir nicht zugrunde gehen, wenn wir unseren Wohnort verlassen müssen.

Liebe Gemeinde, mit einer Heimat im Herzen und einer Heimat bei Gott wird sich auch das Verhältnis zu unserer anderen Heimat verändern, dem Ort, aus dem wir stammen. Wir wissen: Wir haben keine bleibende Stätte, unsere Heimat ist im Himmel – aber wir sind von Gott in diese Welt gestellt, um einen Ort aus ihr zu machen, wo wir alle leben können.

Deshalb gedenken wir der Vertreibung und all des Leides vor 64 Jahren, damit so etwas niemals mehr geschehen möge.

Deshalb erinnern wir uns an all den Reichtum des gemeinsames Lebens vor der Vertreibung, um aus diesem Reichtum zu schöpfen für ein neues gemeinsames Leben verschiedener Kulturen heute in einem gemeinsamen Europa.

Deshalb ist es unsere Aufgabe, unsere Stadt und unser Ödenburger Land zu einem Ort zu machen, der vielen verschiedenen Menschen Heimat bleiben und werden kann. Das ist auch eine politische Verantwortung!

Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung. Möge auch unser Erinnern ein Denkstein auf dem Weg der Erlösung sein.

Amen.

Pfarrer Michael Heinrichs, 16. Mai 2010